Endurance-Expedition

von Wassong (Kommentare: 0)

Endurance-Expedition

August im Jahr 1914. Wenige Tage bevor der erste Weltkrieg losbricht, verlässt die Endurance England in Richtung Antarktis. Ihr ambitioniertes Ziel, nachdem der Pol 1912 entdeckt wurde, ist die Nord-Süd-Durchquerung des letzten damals noch unentdeckten Kontinents: die Antarktis.

Im Rückblick aus der historischen Distanz eines ganzen Jahrhunderts sind die Rahmenbedingungen jener Zeit kaum mehr vorstellbar. Vor 100 Jahren war das Unternehmen vielen ein verführerisches Versprechen auf ein heldenhaftes Abenteuer. Ruhm und Ehre standen in Aussicht, forderten aber den bedingungslosen Einsatz des eigenen Lebens zum Pfand. Die Crew war fernab der Zivilisation ganz allein auf sich gestellt. Und man sollte sich vergegenwärtigen: es gab kein Telefon und keine Radiounterhaltung, weder High tech noch Funktionskleidung, keinen Luxus, keine Erleichterungen, und keine Vollkaskoversicherung mit Heimkehr-Schutz. Es gab nur ein Ziel und einen ambitionierten Plan.

Und es kam alles anders als erwartet und weit schlimmer als zu befürchten war.

Die Männer erlebten eine Odyssee epischer Dimension. Wenige Meilen vor dem angesteuerten Landungspunkt packt das antarktische Eis ihr Schiff und zwingt es gegen den Kurs mit sich. Gefangen im abdriftenden Packeis sinken Monat für Monat die Hoffnungen, die geplante Expedition noch durchführen zu können. Wie gelingt es der Führung, die Zeit so zu strukturieren, dass die Langeweile und die Dunkelheit des Polarwinters die Moral der Mannschaft nicht untergräbt und der Mut auf dem engen Raum nicht sinkt?

Als das Schiff dem wachsenden Druck der Eismassen nicht mehr standhalten kann, müssen die Männer ihr Schiff - für einen Seemann mehr Heimat als Transportmittel- nicht nur verlassen sondern letztlich sogar mitansehen, wie es sinkt. Das Schiff ist verloren - aber wie soll man je heimkehren? Shackleton, der seine ehrgeizigen Ziele mit dem Schiff sinken sieht, entwickelt in dieser Krise Führungsstärke, indem er das Überleben seiner gesamten Mannschaft zum einzig erstrebenswerten Ziel macht.

Die Männer entfernen sich auf dem driftenden Packeis immer weiter von Land und müssen sich auf dem unsicheren, bewegten Grund in immer neuen provisorischen Camps den Herausforderungen und Gefahren stellen. Wetterwechsel, Temperaturschwankungen, Schwertwale, die die Eisschollen durchbrechen könnten. Der Hunger ist ständiger Begleiter. Kälte und Feuchtigkeit wechseln mit Schneestürmen und der beängstigenden Aussicht auf den nahenden Frühling, der vorhersehbar die Schollen schmelzen wird.

Das Zusammenleben auf engstem Raum und die gegenseitige Abhängigkeit rauben jeden persönlichen Freiraum. Es ergeben sich mehr als genug Fragen, die die Führung des gesamten Teams betreffen - und denen sich Shackleton stellen muss. Als der vorübergehend sichere Grund des Packeises im Frühling taut, muss der richtige Moment für den Wechsel auf das offene Meer und in die mühsam nachgezogenen Boote gewählt werden.

Mit jeder weiteren Etappe wird Ballast zurückgelassen, um das Überleben zu sichern. Das Risiko des Unvorhersehbaren muss eingegangen werden und sicher geglaubter Grund immer wieder verlassen werden. Nach Monaten der Entbehrung geht es schließlich erzwungenermaßen hinaus auf das unbarmherzigste Meer dieses Planeten.

In Nussschalen, die für diese Anforderungen nie gebaut wurden und entgegen jeder Wahrscheinlichkeit erreichen die 28 Männer völlig entkräftet, krank aber überglücklich nach Tagen die kleine Insel Elephant Island - nur um festzustellen, dass sie auf diesem unwirtlichen Flecken Erde bei steigendem Wasser weder besonders sicher sind, noch jemals damit rechnen können, gefunden und gerettet zu werden.

Shackleton entscheidet sich notgedrungen, die Insel mit wenigen verlesenen Seeleuten zu verlassen und die 800 Meilen entfernte Walfängerinsel South Georgia auf offener See anzusteuern, auf der man Hilfe zur Rettung der übrigen Besatzung finden könne. Wieder stellen sich Fragen. Wer soll zurückbleiben? Wer ist geeignet, sich in letzter Hoffnung auf die Suche nach Rettung zu begeben? Wer ist geeignet, die Strapazen zu überstehen? Wer unverzichtbar? Die Hoffnung der Verzweifelten treibt die geschundenen Männer an, in einem der Boote nach South Georgia zu segeln - jene Insel, von der sie einst in Richtung Antarktis starteten. Durchnässt und entkräftet müssen sie in 4-Stunden-Schichten rudern. Pausenlos. Sie müssen das gefrierende Meerwasser vom Boot abschlagen, um nicht unterzugehen. Keine Möglichkeit, bei Seegang, Nässe und Kälte im aufgeweichten und mittlerweile fauligen Schlafsack Erholung zu finden. Und als das mitgeführte Wasser brackig wird, drohen sie auf offenem Meer zu verdursten.

Als sie wie durch ein Wunder dennoch das ersehnte Ufer erreichen, scheint das Schicksal gnädig. Aber die nächste Prüfung wartet schon auf sie: Sie landen auf der unbewohnten und unerforschten Seite der Insel. Eine Berg- und Gletscherüberquerung trennt die total entkräftete und völlig unzureichend ausgestattete Gruppe von den Walfängern, die auf der gegenüberliegenden Seite der Insel Station machen und sie retten könnten. Shackleton und zwei weitere Seeleute machen sich auf den Weg, lassen die Verletzten zurück, und schaffen es mit letzter Kraft über die Gletscher.

Zerschlissen, verwahrlost und entkräftet müssen sie dem Leiter der Walfangstation wie seltsam wilde Geister einer
vergessenen Epoche erschienen sein. Er erkennt Shackleton, den Mann, den er Monate zuvor von der Insel verabschiedet hat, nicht wieder.

Es sollten dann noch Wochen und Monate vergehen, bis endlich die Bergung der übrigen Mannschaft von Elephant Island gelingen konnte, weil mehrmals Schiffe organisiert werden mussten und das Eis den Zutritt zur Insel verweigerte.

Die Odyssee findet dank starker Führung, festem Glauben an die Rettung und unerschütterlichem Durchhaltevermögen aller 28 Männer ein legendäres, glückliches Ende. Doch als die Männer nach weiteren Wochen in die Heimat England zurückzukehren, das seit der Abreise im verheerensten Krieg liegt, den die Welt bis dahin gesehen hat, wird Ihnen wenig Aufmerksamkeit zuteil. Wenn interessieren zu dieser Zeit schon die Abenteurer, die am Ende der Welt für Ruhm und Ehre ihrer Nation ins Eis zogen, während an den europäischen Fronten die Menschen sterben?

Shackleton lebte vor, was Abenteurern vor ihm im Eis nicht gelang und auch heute noch anregendes Beispiel ist: Angesichts unüberwindbarer, ständig wechselnder Veränderungen überwand er persönliche Interessen und egoistische Ambitionen. Er kämpfte für ein Ziel, das er nur mit vereinten Kräften der Mannschaft erreichen konnte: gegen die Entmutigung wiederholter, frustrierender Veränderungszwänge anzukämpfen und zu gewinnen. Es gelang - gegen jede Wahrscheinlichkeit. Shackleton wurde zu einer nationalen Legende und zu einem inspirierenden Vorbild. Und er bleibt es bis heute - einhundert Jahre später und mit Sicherheit darüber hinaus. Eine Geschichte, die einlädt, Führung anders zu denken.

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